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Auf die Plätze, fertig, Medienfachwirtin!

Aktualisiert: Feb 10

Schon in 2005 informierte ich mich am Bodensee über mögliche Studiengänge, die ich auf meine Ausbildung zur Mediengestalterin für Digital- und Printmedien hätte aufsetzen können. Doch ein Vollzeit-Studium zur Kommunikationsdesignerin hätte ich parallel zu meiner aufkeimenden Selbständigkeit einfach nicht stemmen können. So sehr es mich auch gereizt hätte, zu dieser Zeit steckte ich bereits in einem großen Projekt der Commerzbank-Arena Frankfurt und verdiente gutes Geld.


Es sollte noch viele Jahre und einen weiteren Umzug samt Neustart in Freiburg dauern, bis ich im Sommer 2017 – angeregt durch ein Gespräch mit meiner tollen Mentorin Clara aus einem Freiburger Frauen-Netzwerk – im Ausbildungsprogramm des Freiburger IHK BildungsZentrum stöberte. Ich las kreuz und quer und stieß auf eine 2-jährige, berufsbegleitende Weiterbildung zur Medienfachwirtin Print. Nächster Start im Sommer 2018 – kurz vor 40 wäre ich fertig und zur Belohnung würde ich mir endlich eine große Reise gönnen!


„Du strampelst schon so lange wie ein Frosch im Milchglas.

Es ist längst Butter und du springst jetzt einfach raus!“

Dieser Satz meiner Mentorin Clara ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als Selbständige wartet nämlich keiner meiner Auftraggebenden darauf, dass ich nun endlich eine Weiterbildung mache. Schon garnicht, um die bessere Qualifikation zukünftig dann auch noch besser zu vergüten. Mir ging es immer darum, mein Wissen weiter zu vertiefen und mich mit den Dozent*innen und den Kommiliton*innen zu vernetzen. Und sicher wollte ich mir auch beweisen, dass ich es schaffen kann.


Um ehrlich zu sein, ich hatte völlig unterschätzt, wie viel Energie eine solche Weiterbildung verbrauchen würde. An bis zu drei Abenden pro Woche und samstags Unterricht zu haben, parallel zu meiner Selbständigkeit und zwei festen Tagen pro Woche bei Münchrath/Ideen+Medien, einer Freiburger Design- und Werbeagentur, waren schon stramm. Irgendwann sollten dann noch eine Wohnungsrenovierung am Bodensee dazukommen, die Corona-Pandemie und mein krebskranker Beagle ... aber dazu später mehr.


2018/2019, das 1. Jahr – der Startschuss

Am längsten Tag des Jahres, dem 21. Juni 2018 fiel der Startschuss für eine neue Zeitrechnung. Schnee von gestern ist ab jetzt die Zeit vor der Weiterbildung, als ich schon dachte, ich hätte ganz schön viel um die Ohren. Es startete die Zeit, in der ich wirklich viel und viel zu viel um die Ohren haben würde.


Wir sind 13 Kommiliton*innen und ich stellte schnell fest: Mit 37 bin ich die Klassen-Oma. Der Opa toppte mich noch und hat die 40 bereits geknackt. Meine Reife brachte mir direkt die ehrenvolle Aufgabe der Time-Keeperin ein. Durch mich wurden fortan sämtliche Pausenzeiten akribisch eingehalten – schließlich stolperte ich selbst meist völlig unterzuckert in den abendlichen Unterricht. Eine der anstrengendsten Herausforderungen war es, in diesem Zustand nicht allzu futterneidisch über die Vesperdose meines Sitznachbarn herzufallen. Seine Frau hat ihm zu ausnahmslos jedem Unterricht eine identische Ration eingepackt, wie dem gemeinsamen Sohn für den täglichen Kindergartenbesuch – einfach mit allem was mein unterzuckerter Körper überaus begehrte.


Es brauchte einige Wochen, wenn nicht Monate, um sich an dieses Pensum am Abend annähernd zu gewöhnen. Noch dazu, weil uns im ersten Jahr auch eher fachfremde Themen begleiteten:

  • Rechtsbewusstes Handeln

  • Betriebswirtschaftliches Handeln

  • Methoden der Information, Kommunikation und Planung

  • Zusammenarbeit im Betrieb

  • Arbeitsmethodik

  • Kosten- und Leistungsrechnung

  • Personalmanagement

  • Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsschutz

  • Technische Dokumentation

  • Qualitätsmanagement und -sicherung

Puh, so ziemlich alles davon war theoretisch völliges Neuland für mich – zumindest in dieser Intensität.


Und jetzt auch noch Ausbilderin werden?!

Genau jetzt, als mein Kopf nach etwa 20 Jahren Schulpause ohnehin schon zu platzen drohte, sollte im Oktober 2018 auch gleich noch die Ausbildereignungsprüfung (AEVO) abgelegt werden. Dennoch: direkt bestanden, Haken dran, weiter geht der Marathon.


Für die ersten vier Prüfungen im Mai 2019 hatte ich parallel zur Wohnungsrenovierung am Bodensee versucht, hinreichend zu lernen, um mich mit dieser fachfremden Theorie mehr und mehr anzufreunden. Erst Wochen später erfuhr ich, dass es tatsächlich gereicht hatte, richtig gut sogar. Ich habe alle vier Prüfungen auf Anhieb bestanden – ein kurzes „Yeah!“ und direkt wieder weiter im Programm.


Kleine Ausflüge erhalten die Ausdauer

Über den Sommer ermöglichte uns ein Dozent spannende Einblicke in regionale Unternehmen. So waren wir im Juni bei Burda in Offenburg und im September bei VollherbstDruck in Endingen am Kaiserstuhl und bei Erismann in Breisach. Endlich schnupperten wir wieder mehr Praxisluft und bekamen ein Gefühl dafür, für was wir das eigentlich alles machen!

Impressionen der Betriebsbesichtigungen



2019/2020, das 2. Jahr – wird jetzt alles entspannter?!

Immerhin beschränkten sich die Unterrichtstage ab jetzt nur noch auf den Freitagabend und Samstag, was nach dem ersten Jahr in meinen Ohren schon fast nach Erholung klang.

Und außerdem kamen jetzt endlich die Themengebiete auf den Plan, die mir sehr viel näher lagen und aus denen ich für meinen persönlichen Arbeitsalltag auch deutlich mehr mitnehmen konnte:

  • Marketing

  • Medienrechtliche Vorschriften

  • Druckvorstufenprozesse

  • Printmedienproduktion

  • Printmedienkalkulation und -planungssysteme

  • Produkte und Prozesse in der Medienindustrie

Dennoch blieben nach und nach Kommiliton*innen auf der Strecke – nur wenige hatten auf Anhieb alle Prüfungen des ersten Jahres bestanden und mussten diese im November 2019 nachholen. Einige scheiterten daran.

Für mich wurde es zäh und zäher, schließlich hatte ich niemanden im Nacken, der mich hätte antreiben können, außer ich mich selbst. In mir stieg zudem mehr und mehr Druck auf, weil mir die arbeitsintensivste Zeit des Jahres bevorstand. So entschloss ich mich schweren Herzens dazu, die zwei festen Tage in der Agentur ab Herbst 2019 aufzugeben, um noch einmal mehr Energie für die Prüfungsphase im Frühjahr 2020 zu haben.


Frühjahr 2020 – der Endspurt

Bereits maximal erschöpft startete ich in 2020 in die letzten Monate dieser Weiterbildung. Ich wollte irgendwie bis zu den Abschlussprüfungen im Mai durchhalten, die daran anschließende Projektarbeit in drei statt vier Wochen durchknallen und mir zur Belohnung nach all der Anstrengung eine Fastenwanderwoche im Schwarzwald gönnen. Voller Energie würde ich im Sommer noch meine Präsentation abhalten und das Fachgespräch absolvieren, um dann auf meine wohl verdiente große Reise zu gehen – so der Plan.


Und es sollte anders kommen. Für mich. Für alle.

Pünktlich zum ersten Lockdown im März 2020 stornierten mir meine Auftraggebenden nahezu alle anstehenden Projekte für das zweite Quartal. Existenzängste paarten sich mit großer Dankbarkeit, dass endlich jemand auf eine übergroße Pause-Taste gedrückt hatte und ich endlich etwas zur Ruhe kommen konnte, um mich in selbiger auf die anstehenden Prüfungen vorzubereiten.


Doch auch das sollte anders kommen. Mein Hund wurde plötzlich schwer krank und ich bangte über Wochen und Monate um ihn – Tag und Nacht. An konzeptionelle und kreative Arbeit war in dieser Zeit kaum zu denken, auch wenn sich mein Auftragsbuch langsam wieder füllte, strengte mich alles wahnsinnig an. Die Prüfungen rückten für mich komplett aus dem Fokus und schlussendlich kam ich kaum zum Lernen und musste darauf vertrauen, dass es mit gesundem Menschenverstand, jahrelanger Berufserfahrung und meiner nahezu lückenlosen Präsenz im Unterricht schon irgendwie reichen würde.


Die Prüfungstage im August 2020


Wenn es mal wieder länger dauert

Statt Anfang Mai schrieben wir an zwei Tagen im August 2020 in neun Zeitstunden unsere beiden Prüfungen in einem völlig überhitzten Raum. Statt Mitte 2020 wurde es Ende 2020 bis ich exakt drei Tage nach meinem 40. Geburtstag mit einer sehr guten Präsentation meiner Projektarbeit und einem sehr guten Fachgespräch meine Weiterbildung abschloss – kein Sekt, keine Party, keine Reise, einfach nur komplette Erschöpfung.

Prüfungszeugnis zur Medienfachwirtin Print


Und, würde ich es tatsächlich wieder machen?

Ein klares „Ja!“, denn ich weiß, früher oder später hätte ich es bereut, es nicht versucht zu haben und irgendwann werde ich mich darüber freuen können.


Und, würde ich es aus heutiger Sicht anders machen?

Auch ein klares „Ja!“, denn ich würde mit weniger Ehrgeiz und Biss und dafür mit viel mehr Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten durch eine solche Zeit gehen wollen.

Das möchte ich übrigens jedem mitgeben, der tatsächlich bis hier liest: Vertraue auf deine Fähigkeiten, lebe im Jetzt und nicht in einem nicht enden wollenden Nadelöhr, durch das du als nächstes noch durch musst, um dich dann endlich für deine Leistung zu belohnen. Belohne dich zwischendurch mit kleinen Lichtblicken, um immer wieder Energie zu tanken.

Während eines Marathons trinkst du schließlich auch schon unterwegs immer wieder und nicht erst im Ziel. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, so viele Lauf- und Triathlon-Wettkämpfe, wie ich schon gefinisht habe ... toi, toi, toi und einen guten Lauf allerseits – beruflich wie privat!

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